Am Weihnachtstag kommt die Zeit der Knieperdachse

In Buchholz pflegt man am Heiligabend einen alten Brauch

... Buchholz ist erstens ein natürliches Ziel. Hier endet der Müritzarm nach malerischen Verrenkungen durch Wiesen, nach Durchschlüpfen mit einsamen Buchten und schilfigen Ufern, an denen strohgedeckte Datschen die Wende verschlafen haben. Buchholz ist aber auch, zweitens, ein lohnendes Ziel:

Wenn die Familien im Dorf daran gehen, die Weihnachtsbescherung vorzubereiten, ziehen sich sechs Männer um. Die Zeit der Knieperdachse in Buchholz beginnt. Vier der Männer steigen in lange weiße Unterwäsche. Entsprechend ihrer Kleiderordnung setzen sie einen hohen spitzen Hut auf. Der fünfte verwandelt sich zum Weihnachtsmann. Der sechste kriecht unter ein weißes Tuch und trägt ein Geweih. So verwandelt, stellt Andre Maaß einen Ziegenbock dar. Und wie nutzen die Knieperdachse die ihnen gegebene Zeit? Sie ziehen von Haus zu Haus, wünschen ein frohes Fest und bitten um eine milde Gabe. Die Männer lassen einen alten Brauch weiterleben, sich in Buchholz seit 1870 gehalten hat. Ohne Unterbrechung.

Höllischer Lärm

Den Überlieferungen nach erfreuten sich bereits im 17. Jahrhundert in ländlichen Gegenden Mecklenburgs Umzüge bei jungen Burschen großer Beliebtheit. Sie wickelten sich in Erbsenstroh, zogen die Jacken verkehrt rum an oder verkleideten sich nach ihren Möglichkeiten. Einer von ihnen, der sich in Felle hüllte, spielte den „Ruhklas“ (rauhen Nikolaus). Mit einer Rute und einem Beutel voll Asche stapfte er mit seiner Begleitung zu den Familien. Wer nicht beten oder nichts geben wollte, wurde mit der Rute bestraft oder mit Asche bestreut. In manchen Dörfern ritt der Ruhklas auf einem Schimmel, den zwei Burschen darstellten, die sich mit weißen Laken behangen hatten. Schließlich untersagte eine herzogliche Verordnung vom 25. November 1682 derartige „Mummereien“, die wohl aus „ dem stockfinsteren Heidenthume“ ihren Ursprung hätten. Ein Geistlicher soll die Umzüge sogar als Teufelsspiel bezeichnet haben. Die Umzüge zum Weihnachtsfest fanden weiter statt. Einen Höllenlärm machen die Knieperdachse wirklich. Da müsste man besagtem Geistlichen im nachhinein recht geben. Der Weihnachtsmann schwingt die Glocke, die Knieperdachse stoßen laute Schreie aus der Ziegenbock meckert... Wer sich auf der Strasse sehen lässt, wird gefangen. Der Knieperdachs mit der Zange kneift, der Ziegenbock stößt nach ihm. Auch die Autofahrer, die nichts ahnend durch das Dorf fahren, machen Bekanntschaft mit diesem Brauch. Zur Zeit der Knieperdachse werden sie angehalten und um eine kleine Spende gebeten. Meist verstehen sie den Mummenschanz richtig und stecken dem Weihnachtsmann etwas in die aufgehaltene Hand oder den weißen Leinenbeutel. Tun sie es nicht, kommt der Knieperdachs mit der Zange. Welche Bedingung heißt es zu erfüllen, um ein Knieperdachs zu sein? Erstens darf er nicht verheiratet sein, zweitens muss er in Buchholz wohnen, und drittens muss man warten, bis ein Knieperdachs aufhört. Warum müssen die Knieperdachse unverheiratet sein? Weil ein verheirateter Mann normalerweise am Heiligabend zu Hause bei Frau und Kind bleibt, lautet die Begründung. Die Kleidung belassen die Knieperdachse, wie es von alters her üblich war. Der Brauch stamme von den Knechten, und die hatten ja keine besonderen Sachen, um sich unkenntlich zu machen. Als Knieperdachse hatten die Knechte früher so einmal Möglichkeit, den Herren mal einen Seitenhieb zu versetzen. Und natürlich war man darauf aus, etwas zu essen, ein Fläschchen Branntwein oder ein wenig Geld zu bekommen. Der Brauch blieb auch im nicht weit entfernten Wredenhagen lebendig. „Dort heißen die Männer aber Klapperdachse, und die machen sich erst am 1. Weihnachtsfeiertag auf den Weg von Haus zu Haus.“